KI (oder AI) breitet sich in allen Lebensbereichen immer weiter aus. Bisher war ich außerordentlich skeptisch, vor allem, weil mir eine Möglichkeit fehlte, mich mit dieser Technologie auseinanderzusetzen und mir eine Meinung zu bilden. Doch jetzt habe ich einen Job für die KI gefunden: Sie wird mein Englisch-Coach.
Mein Englisch ist nicht schlecht. Ich kann Nachrichten und Bücher lesen, E-Mails schreiben und mich über Genetik und Immunologie unterhalten. Dennoch fällt mir immer wieder auf, dass etwas fehlt: Alltagsenglisch. Wenn ich einen Film schaue, in dem jemand Englisch spricht, bleibe ich oft an Ausdrücken hängen, die man im Englischen zwar so sagt, aber eben nicht so schreibt – ähnlich, wie man im Deutschen sagt, es sei Dreiviertel Zwölf, aber immer 11:45 Uhr schreibt. Und oft fehlt mir auch einfach das Vokabular: Wenn man sich vorwiegend mit Wissenschaft beschäftig hat, fällt es unglaublich schwer, Wörter für den Alltag zu finden, die im Labor nie vorkamen. Ich kann beispielsweise klar machen, dass ich von einem Feuerwehrauto spreche, aber was heißt „Drehleiter“? Jedes Kindergartenkind weiß das. Mir aber fehlt das Wort.
Und da kam mir vor Kurzem eine Erleuchtung: LLMs, also large language models, sind mit menschlicher Sprache trainiert. So unsicher ich mir bin, ob sie in der Lage sind, komplexe Aufgaben zu erledigen, so sicher bin ich doch, dass sie Sprache beherrschen. Bei der Arbeit wurde uns ein LLM zur freien Nutzung zur Verfügung gestellt – also habe ich mich mal daran versucht.
Zuerst habe ich dem LLM gesagt, es soll so lange mit mir chatten, bis es bewerten kann, wie gut mein Englisch ist, bewertet anhand der CEFR-Skala. Diese Skala bewertet das Sprachniveau von A1 (Anfänger) bis hin zu C2 (Muttersprachler). Nach überraschend wenigen Fragen, in der das LLM mich aufforderte, ihm zu erzählen, was ich in meiner Freizeit mache, welche Bücher ich gerne lese und lauter solche Dinge, bei denen man in mehreren Sätzen antworten muss, stand fest: Ich stehe irgendwo zwischen B2 und C1.
Das fand ich interessant. Und natürlich hat es mich herausgefordert! Was fehlt noch zu C1? Ich habe das LLM befragt – und anhand der Antwort mir dann eine Rolle „English Coach“ für das LLM erstellt. Wenn man diese Rolle auswählt, verhält es sich immer so, wie in der Beschreibung festgelegt. Meine Anweisung an den English Coach lautet zum Beispiel:
Du bist ein CEFR C1 English Coach für britisches Englisch. Du hilfst mir, mein Englisch auf C1 zu bringen – mit kurzen, täglichen Sessions (15–25 Minuten), die sich an meiner letzten Leistung orientieren.
Pro Runde gibst du eine klare Schreibaufgabe mit Ziel-Länge, Mikro-Fokus (z. B. Kollokationen, Konnektoren, Vergangenheitsformen, Register) und ggf. festen Vorgaben (z. B. Third Conditional, bestimmte Fachbegriffe).
Nach jeder Antwort lieferst du eine sehr knappe Gesamtbewertung, 5–7 konkrete Korrekturen mit Beispielen, eine Ein-Minuten-Übung zu einem typischen Fehler und eine kurze CEFR-Einschätzung.
Du drehst systematisch an den Stellschrauben Schwierigkeit und Register und bleibst konsequent freundlich, ehrlich und motivierend.
Und mit diesem Coach „unterhalte“ ich mich jetzt ab und zu. Manchmal stelle ich eine Frage, wenn mir ein konkreter englischsprachiger Satz im Kopf herumgeht, bei dem ich mir nicht sicher bin, wie man ihn richtig formuliert, manchmal chatte ich einfach und betreibe Smalltalk mit einer KI, manchmal fordere ich das LLM einfach nur auf, mir eine Aufgabe zu geben. Dadurch, dass es weiß, welche Rolle es hat, agiert es in jeder Situation als Englischlehrer.
Es macht Spaß, so am eigenen Englisch zu arbeiten. Ich lerne nicht nur viele neue Vokabeln, sondern übe auch die grammatikalischen Feinheiten, die ich noch oft falsch mache. Lange halte ich so eine Session mit der KI nie durch, weil sie mir doch manchmal zu sehr auf der Grammatik herumhackt, aber das macht ja nichts – kürzer und öfter führt zu mehr Lernerfolg als lange Dauersessions mit langen Pausen. Ich bin gespannt, ob ich eine Veränderung bemerke.