„Jobs“ in Paris

Jetzt muss ich mal was loswerden, das mir schon seit Längerem hier in Paris auffällt: augenscheinlich überflüssige Mini-Jobs. An jeder Ecke trifft man sie an, ich bin ehrlich erstaunt — und frage mich, ob diese Jobs wirklich so überflüssig sind, wie ich es empfinde, oder ob ich derartige Jobs einfach nur nicht gewöhnt bin.

Der erste Job dieser Art begegnete mir auf dem Boulevard de Vaugirard. Ich lief gerade vom Tour Montparnasse zurück zum Institut, als mich ein Herr im Anzug, der mir zuvor schon aufgefallen war, da er wie bestellt und nicht abgeholt auf dem Gehweg herumstand, aufhielt, indem er gebieterisch die Hand erhob. Mit der anderen Hand winkte er hinter sich etwas oder jemanden heran. Kurz darauf kam aus der Tiefgaragenausfahrt, neben der er stand, ein Auto gefahren, fuhr über den Gehweg zum Straßenrand und reihte sich dort in den fließenden Verkehr ein. Der Mann stellte sich wieder wichtig an seinen Platz. Mein Fazit: Sein Job ist es, auf dem Gehweg zu stehen und Passanten anzuhalten, die vorbeilaufen möchten, wenn gerade ein Auto aus der Garage kommt. Superwichtig, immerhin kommen da ca. zwei Passanten pro Minute vorbei, bei diesen Menschenmassen ist es unmöglich, das Auto vorsichtig vorfahren zu lassen …

Letzte Woche war ich im Lidl einkaufen. Ich weiß nicht, was der Herr genau tun soll, der superwichtig durch den Laden läuft und den Kassiererinnen ab und an sagt, was sie tun sollen (was sie allerdings schon ohne Anweisung vorher machen, wie mir scheint) und ansonsten nur aussieht, als sei er Besitzer des Ladens. Ich würde zu gerne wissen, ob er auch unter „unnötig“ fällt oder nicht.

Vorletztes Wochenende war ich in einem der Pariser Schwimmbäder (dazu muss ich auch mal noch einen Artikel schreiben). Ich ging zur Kasse und kaufte eine Eintrittskarte, erhielt sie und ging zum Eingang. Zwei Meter hinter der Kasse, wirklich nur zwei Meter, hielt mich ein Mann auf — er riss von meiner Karte eine Ecke ab, gab mir die Karte zurück und setzte sich wieder zu seinem Kollegen zurück, um auf das nächster Opfer den nächsten Kunden zu warten. Fazit: Da sitzen in den vier Metern Eingangsbereich drei Leute: die Ticketverkäuferin und zwei Ticketabreißer … ich hielt das ja für komisch, aber im nächsten Schwimmbad, in dem ich einige Tage später war, war’s dasselbe, nur mit mehr Abstand zwischen Ticketschalter und Eingang — dort machte es ein bisschen Sinn.

Wenn man die Augen offen hält, fallen einem in Paris viele dieser seltsamen „Jobs“ auf. Ich frage mich, ob man, wenn man in Deutschland aufwuchs, wirklich so sehr auf Effizienz getrimmt ist, dass man diese „Jobs“ nur für überflüssig hält und die Ticketkontrolle einfach der Verkäuferin mit aufbürden würde, um Arbeitsplätze einzusparen, oder ob die Franzosen da vielleicht sehr ineffizient sind — oder ob es noch weitere Erklärungen gibt … hat jemand eine Idee?

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